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Mo., 16. Sept.

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Literaturzelt am Bebelplatz

Literaturzelt am Bebelplatz - Franz Kafka Sein Leben als Schriftsteller

Texte von und über Kafka Hans-Gerd Koch Isabelle Lehn

Literaturzelt am Bebelplatz - Franz Kafka Sein Leben als Schriftsteller
Literaturzelt am Bebelplatz - Franz Kafka Sein Leben als Schriftsteller

Zeit & Ort

16. Sept. 2024, 19:30 – 21:00

Literaturzelt am Bebelplatz, Bebelplatz, 10117 Berlin, Deutschland

Über die Veranstaltung

Tickets in Kürze verfügbar

Franz Kafkas schriftstellerisches Leben war von einem ständigen Zwiespalt zwischen Schreiben und Veröffentlichen geprägt. Jede Unterbrechung seines Schreibflusses ließ ihn an der Bedeutung seines Schaffens zweifeln, was durch familiäre und gesellschaftliche Erwartungen verstärkt wurde. Trotz seiner Karriere als Versicherungsbeamter schrieb er nur in seiner Freizeit und veröffentlichte wenige Texte. Kafka träumte von einer bürgerlichen Familie oder einem Leben als freier Schriftsteller, beides blieb unerfüllt. Manchmal schrieb er wie im Rausch, manchmal gar nicht, und selten war er zufrieden. Später zeigte er zunehmendes Interesse an Judentum, Zionismus und Hebräisch. Seine Werke enthalten oft jüdische mystische und folkloristische Elemente, und in seinen Tagebüchern reflektierte er intensiv über seine jüdische Identität.

Sein erstes Buch „Betrachtung“ erschien 1913 im Rowohlt Verlag. Bedeutende Erzählungen wie „Der Heizer“ und „Das Urteil“ folgten im Kurt Wolff Verlag. Kafka konnte keine stabile Beziehung zu seinen Verlegern aufbauen, da seine pessimistische Selbsteinschätzung zu Missverständnissen und häufigen Verlagswechseln führte. Krank und entmutigt gab er schließlich die Hoffnung auf eine literarische Karriere auf und lehnte weitere Veröffentlichungen ab. Im März 1924 schloss Kafka für einen Vorschuss von vermutlich 800 Mark überstürzt einen Vertrag mit dem Berliner Verlag Die Schmiede zur Veröffentlichung des Sammelbands „Ein Hungerkünstler“, der insgesamt drei Novellen umfasste. Gleichzeitig verlangte er von Dora Diamant, sämtliche während seiner Berliner Zeit geschriebenen Texte vor seinen Augen zu verbrennen. Kafka starb am 3. Juni 1924 als nahezu unbekannter Schriftsteller. Zu Lebzeiten wurden seine Werke in drei Verlagen veröffentlicht: Rowohlt, Kurt Wolff und Die Schmiede, seine Erzählungen erschienen oft in verschiedenen literarischen Zeitschriften. In zwei „Testamenten“ beauftragte Kafka seinen Freund Max Brod, seine Manuskripte nach seinem Tod „restlos und ungelesen zu verbrennen“. Brod ignorierte dies, möglicherweise weil Kafka sich weniger klar über bereits veröffentlichte Werke äußerte und keines der Dokumente die formalen Anforderungen eines juristischen Testaments erfüllte.

1930 waren drei Romane aus Kafkas Nachlass veröffentlicht, doch sie wurden kaum beachtet. Anfang 1931 schloss Max Brod einen Vertrag ab mit Gustav Kiepenheuer (Berlin) über zwei Erzählungen-Bände und den Roman „Der Proceß“. Doch angesichts der politischen Entwicklungen distanzierte sich Kiepenheuer von seinem jüdischen Autor. Kafka galt als „verfemter Autor“, seine Bücher wurden verbrannt. Zudem beschlagnahmte die Gestapo den Nachlass von Dora Diamant. 1934 einigten sich Max Brod und Salman Schocken über die Publikation einer 6-bändigen Werkausgabe. Im selben Jahr erschien im Berliner Schocken Verlag „Vor dem Gesetz“, ein Jahr später folgte der erste Band der „Gesammelten Schriften“. 1936 musste Schocken die Ausgabe nach vier Bänden aus politischen Gründen einstellen. Nur ein Scheinvertrag mit dem Prager Verlag Mercy Sohn ermöglichte in den Jahren 1936 und 1937 den Druck der beiden letzten Bänder der Werkausgabe. Max Brod verfasste eine Kafka-Biographie, die 1937 ebenfalls bei Mercy erschien. Im Zuge der Arisierung mussten die Schocken Brüder 1938 ihren Berliner Verlag schließen. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg machte Brod den Scheinvertrag rückgängig, sodass im Februar 1939 die Kafka-Rechte wieder an die Gebrüder Schocken übergingen, die inzwischen in Jerusalem und New York als Schocken Books firmierten. In der Nacht vom 14. März 1939, einen Tag vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag, floh Brod nach Palästina mit sämtlichen Manuskripten und Handschriften Kafkas im Gepäck. 1950 verkaufte Salman Schocken die deutschen Rechte an den S. Fischer Verlag in Frankfurt, wo die deutsche Ausgabe von Kafkas Werk bis heute ihre verlegerische Heimat gefunden hat.

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin 2024 wird Franz Kafka anlässlich seines 100. Todesjahres auf dem Bebelplatz besonders geehrt, mit dieser Veranstaltung kehren seine Bücher symbolisch an den historischen Ort der Bücherverbrennung zurück.

Der Abend wird von vier Akteuren gestaltet, die jeweils eine besondere Verbindung zu Franz Kafka haben:

Prof. Hans-Gerd Koch, ein führender Kafka-Forscher und Mitherausgeber der Kritischen Ausgabe von Kafkas Werken, spricht über Kafkas Leben als Schriftsteller und seine Beziehung zum Judentum. Außerdem erläutert er die Bedeutung von Kafkas Tagebüchern für das Verständnis seines Werkes und seiner persönlichen Konflikte.

Isabelle Lehn spricht über ihren Beitrag „Vom Trost der Tagebücher“ (aus: „Kafka gelesen“ darüber, wie kafkaesk es sich anfühlen kann, ein schreibendes Leben zu führen. Die Schriftstellerin beleuchtet, wie Kafkas Tagebücher helfen, seine Werke im biografischen und historischen Kontext zu verstehen, und diskutiert, welche unverfälschte Sichtweise sie auf Kafka bieten, beispielsweise seinen Humor.

Sebastian Guggolz, Lektor und Spezialist für wiederentdeckte Literatur beim S. Fischer Verlag, gibt Einblicke in seine editorische Arbeit an Kafkas Werken und moderiert den Abend. Er ist Herausgeber der 2024 erschienen Anthologie „Kafka gelesen“ mit 27 Beiträgen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren.

„Der Herausgeber Sebastian Guggolz hat die Beiträge mit viel Verständnis von Kafka und der heutigen literarischen Szene ausgewählt, um eine neue Perspektive auf den jetzt immerhin recht alten Autor zu werfen. Es überrascht, wie gut die darin vertretenen Schriftsteller ihren Kafka kennen. Als Modell, als Einfluss, als Freund, ja gar als Verwandten. Diese facettenreiche Schau ergibt ein buntes Lesevergnügen. Sie überrascht und unterhält im selben Maße.“ FAZ vom 19.6.2024 | Jeremy Adler über „Kafka gelesen“ | S. Fischer Verlag | 2024

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